Evolutionsgeschichte, Wertesystem, Kommunikationsstörung und Lebensphilosophie

die unbekannte spezies mensch-von karl-heinz lichtIn den Auszügen aus den Kapiteln werden die Auswirkungen der Evolutionsgeschichte, das Diktat ihres Wertesystems, unsere tief reichende Verirrung in Kommunikationsstörung und die Folgen der daraus resultierenden Lebensphilosophie angesprochen.

Prolog Auszug S. 7
Der überbordende Individualismus Auszug S. 23
Leben in Sippen Auszug S. 37
Wir sind alle Lügner – immerzu Auszug S. 73
Das Diktat der Günstigkeit Auszug S. 97
Die Tricks unseres Gehirns Auszug S. 101
Anstrengung Auszug S. 137
Auf sich selbst hören Auszug S. 148
Feuerwerk im Gehirn Auszug S. 155
Auf Dauer glücklich sein Auszug S. 158
Sensationshunger des Gehirns Auszug S. 167
Vernunft Auszug S. 178
Schröder war’s und sein Zeitgeist Auszug S. 191
Begeisterung für Idole Auszug S. 209
Menschwerdung Auszug S. 218
Epilog S. 227

 

 

Prolog - Auszug S. 7

Die Menschen, wild und zerstritten, halten den Planeten im Würgegriff.
Homo sapiens, der einzige noch existierende Zweig der Menschheit blieb bis ins Jahr 1500 nach unserer Zeit unter 500 Millionen Exemplare. Ab 1804 sind es mehr als eine Milliarde. In den vergangenen zweihundert Jahren wurden es fast sieben und das Ende ist nicht in Sicht.

Dieser zwiespältige Erfolg fußt auf zwei Säulen. Die eine Stütze ist die neueste Version  der Millionen Jahre dauernden Evolution. Sie hat nur ein Ziel, das Überleben. Sie trotzt allen gestellten Anforderungen mit jeweils neuen Antworten und ergänzt damit ihre Weisheit. Sie ist die fest verdrahtete Sammlung der einzelnen Anpassungsschritte aller irdischen Lebewesen.

Die zweite Stütze ist der freie Geist. Einzig unsere Spezies verfügt bislang über dieses Attribut. Er ist niemals fest, er strebt und experimentiert. Nur wir können uns dank seiner selbst beobachten und das Gesehene bewerten. Nur wir tragen Verantwortung.

Die beiden Säulen harmonieren nicht. Jede Seite sucht auf ihre Art nach Erfolg. Uralte systematisch aufgebaute Weisheit trifft auf kurzlebige quirlige Genialität. Das Experiment läuft noch.

 

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Der überbordende Individualismus - Auszug S. 23

Für eine friedliche gerechte Menschheit ist die Individualausprägung aber das größte Hindernis. Wir schaffen es bislang nicht, unseren Kampf „Jeder gegen Jeden“ zu beenden und daraus einen Kampf „Alle für Alle“ zu machen (siehe Ich – oder Du).
Die Natur wird uns hier nicht weiterhelfen können; im Gegenteil. Sie zwingt uns qua Veranlagung, erfolgreich im Erwerbssinne sein zu wollen, woraus sich unmittelbar der Kampf um Ressourcen gegen alle anderen ergibt. Geistig begabt, wie wir zweifellos sind, steckt hier die eigentliche Aufgabe für die Menschheit, nämlich eben jene Beschränktheit  aus der Veranlagung durch Ausgleich aller Interessen in Massengesellschaften zu überwinden. Bislang ist es so:.  Sind wir zu erfolgreich, vernichten wir unsere Überlebenschancen. Überwinden wir unsere haltlose und grenzenlose Kämpfernatur nicht, werden große Teile nicht überleben können und viele werden nicht menschenwürdig leben können und am Ende untergehen und die Spezies wird wieder aus dem Universum verschwinden.

 

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Leben in Sippen - Auszug S. 37

Ein anderes sehr gewollt übersehenes Problem ist die überall auf der Welt verbreitete Fremdenfeindlichkeit. Sie ist ebenfalls ein wirkungsstarker Reflex aus unserer Steinzeitvergangenheit. Das aufwendige Erkenntnissystem, das bereits angesprochen wurde, hat den Sinn, Freund von Feind unterscheiden zu können und zwar auf Sippenebene und nicht zwischen Rassen und Völkern. Unser Werkzeug reagiert fein auf Leute aus unserer Sippe, alle anderen sind ausgeschlossen. Spontane Reaktion auf grobe Signale, wie andere Hautfarbe, andere Sprache, andere Gestik oder Lautstärke, können wir überhaupt nicht unterdrücken. Dieses Supersystem dient ja gerade dazu alles Fremde auszusondern und das geschieht, lange bevor wir uns unserer zivilisatorischen Erziehung erinnern und dass wir uns irgendwann entschieden haben eben nicht fremdenfeindlich zu sein. Die Erkenntnis, der oder die oder das ist fremd, ist ein Überlebensreflex, den wir niemals unterdrücken werden können. Alles was wir tun können, ist ihn aussteuern und kontrollieren, jedoch immer nur im eigenen Verhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass das einer ganzen Gesellschaft in ausreichendem Maße durchgängig gelingt, ist äußerst gering.

 

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Wir sind alle Lügner - immerzu - Auszug S. 73

Trickser und Betrüger sind wir. Da wir zielorientiert vorgehen, also quasi rückwärts denken, kann das nicht anders sein. Anlass zum denken ist nicht, ich will nett sein, sondern wie kriege ich dies oder das hin. Das Ziel gibt es zuerst, dann sucht der Kopf Strategie und begleitet die Verfolgung des Zieles parallel bis es erreicht ist und alle denkbaren Wendungen sind erlaubt. Bei Säuglingen gibt es diesen angeborenen Lächeltrick. Wenn das nicht hilft, wird der wahre druckvolle hässliche Wille hörbar, in einer Frequenz, die in uns sicherheitshalber noch mit „das ist nicht auszuhalten“, abgesichert ist. Ein anderes Beispiel sind Rangkämpfe unter Kindern und Jugendlichen. Wer verliert, beschuldigt den anderen er habe angefangen, um über Außenhilfe den Rang wieder zugeordnet zu bekommen – Ersatzstrategie, wenn die Kraft oder der Mut oder beides nicht ausreicht.

 

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Das Diktat der Günstigkeit - Auszug S. 97

Steuert eine Instanz, benutzt sie diese Mechanismen und verlässt sich auf die Wirkung. Die Eigenheit, um die es hier geht, ist die Begrenzung der Effekte. Ermöglicht man den Menschen aus solidarischen Erwägungen Zuwendungen, haben diese Ihren Zweck. Die Zuwendungsbegünstigten haben aber nicht den höheren Zweck im Auge, sondern lediglich den individuellen Vorteil. Solange keine Wohlstandsleistungen im Spiel sind, decken sich die Ziele der Mächtigen mit den Zielen der Begünstigten. Gemeint ist hier der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit. Wenn es nichts gibt außer Not, sind alle Ziele zur Verbesserung deckungsgleich in der Gesellschaft und im Individuum. Verteilt die Gesellschaft an unterschiedliche Gruppen Wohltätigkeiten, geht diese Deckungsgleichheit verloren. Das Individuum strebt nach persönlichen Günstigkeiten, die Gesellschaft hat eine Gewichtung geplant. Wird eine Gruppe begünstigt, geht das auf Kosten anderer Gruppen. Die Verstrickung wächst mit jeder Regelung, mit jeder Verfeinerung. Um Ungerechtigkeiten auszugleichen, werden neue geschaffen. Missstände sind so unvermeidlich. Die gesellschaftlichen Ziele werden so verfehlt. Das einzelne Ziel mag sinnvoll und wichtig sein, die Nebenerscheinung enttäuschen doch sehr. Generell, sind die Gaben erkauft durch Lasten an andern Stellen. In Wachstumszeiten, sind Kosten noch in Übereinstimmung mit Einnahmen zu bringen. In Rezessionen misslingt das aufgrund der auseinander gehenden Scheren. Mit Ende des Wachstums steigt die Zahl der Bedürftigen. Die Mittelzuflüsse sind aber gerade im Sinken. Hier wird immer wieder Ausgabendisziplin reklamiert. Aber genau wie im Kleinen, ist es auch im Großen. Jeder will dass gespart wird, aber natürlich nicht bei ihm selbst. Jeder Ressortchef kämpft um seine Pfründe und so bleibt nur der Ausweg sich mit mehr Ausgaben trotz sinkender Mittelzuflüsse einzulassen, also wachsen die Schulden. Hier wird klar, dass die auseinander laufenden Ziele der Gesellschaft und des Einzelnen den wirtschaftlichen Niedergang der Gemeinschaft herbeiführen.

 

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Die Tricks unseres Gehirns - Auszug S. 101

Es befiehlt uns zu trinken, es steuert uns in Sucht, Streit, Depression, Aggression, Gewalt, Unbeherrschtheit. Es lässt uns nach Rache schreien, Partner verachten. In vielen Fällen findet es Kinder unausstehlich. Es neigt zu Herabwürdigungen anderer und zu gleichermaßen übersteigerter Wohlbetrachtungen seiner selbst.

Es trickst uns aus!

Es denkt, was es will, es beschäftigt sich nur mit Themen, die es selbst wählt, es vergisst, was Du selbst gerade eben gedacht hast und weigert sich nachdem Du es bemerkst, dass Dir soeben gedachtes bereits entfallen ist, Dir den Zugang zum selben Gedanken noch einmal zu gestatten und es denkt gelegentlich in genialer Qualität, Du kannst aber den genialen Einfall oder die mutige Argumentation nach einer halben Stunde nur noch rudimentär wiederholen und nach ein oder zwei Tagen erinnerst Du Dich gerade noch daran, dass Du etwas geniales erdacht hattest – aber nie was. Das Gehirn verhält sich wie eine zweite Person in Dir, auch ohne Schizophrenie. Notierst Du Deine idealen Einfälle schnell genug, um ihrer später habhaft zu werden, sind die Assoziationen trotzdem manches Mal so weit weg, dass Du Deine eigenen Notizen nicht mehr ausreichend verstehst und zornig wirst, weil du es noch nicht einmal so präzise notieren konntest, um den Anschluss wieder zu finden und wenigstens die Essenz erneut zu entdecken.

 

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Anstrengung - Auszug S. 137

Unsere jungen Leute und die Alten sind dem stark ausgesetzt. Kinder und Jugendliche lernen das Leben aus dem Fernsehen, aus Videos und aus Computerspielen mit der Folge, dass Sie dann genau das können, was sie die ganze Zeit machen. Und das, was das Leben eventuell von Ihnen verlangt, mangels Übung nicht. Worüber wundern wir uns denn andauernd?

Auf der anderen Seite werden Menschen aus der Arbeitswelt entfernt, um danach, so Geld vorhanden, zwischen Kreuzfahrten und Arztbesuchen zu pendeln. In der aktuellen Situation muss verstanden werden, dass das bekannte „Abstellgleis“ kein gangbarer Weg für alle Zukunft ist. Die strikte Trennung in Arbeit oder Rentner muss durchlässig gestaltet werden, vor allem zu Gunsten einer menschenwürdigen Selbstbestimmung.

Es gilt also nicht nur Reize zu setzen, es müssen die richtigen und wichtigen sein. In einer dekadenten Gesellschaft muss körperliche Gesundheit hoch bewertet sein und nicht dicke Autos, schnelle Computer und Lifestyle. Zum Zweiten muss nicht nur immer Ausbildung gepredigt werden, die dann nicht in einer realen Beschäftigung (Anstrengung) mündet, sondern die Arbeit muss gescheit verteilt werden, mit dem Ziel, dass alle sich anstrengen können und dies durch angemessene Belohnung/Entlohnung honoriert wird.

Wir werden als Gesellschaft nicht umhin können, das Grundprinzip zu verstehen und es für die Gesellschaft zu nutzen. Wir leben nicht auf Vulkan, wir haben nicht nur die Logik, wir sind vor allem emotional, sensibel und am Selbstwert orientiert. Die an anderer Stelle ausgeführte bestimmende menschliche Eigenschaft, ohne große Probleme günstig und ungünstig feinst unterscheiden zu können hat uns enorm überlebenstüchtig gemacht, schadet aber der Leistungsbereitschaft ganzer Bevölkerungsschichten, wenn anstrengungslose Entlohnungsderivate wie Hartz IV und 1-€-Jobs, die menschlichen Grundprinzipien um Lichtjahre verfehlen. Wir haben auch aus unserer für das Leben in Sippen geeigneten Konstruktion stammend ein detailliert entwickeltes Gerechtigkeitsempfinden mit in die Moderne gebracht. Das ist aus der Notwendigkeit in Rangordnungen zu funktionieren entstanden und in uns natürlich immer noch ein starkes Werte und Handlungen lenkendes Moment. Über allem steht der Versuch Erfüllung/Zufriedenheit zu erreichen. Politische Programme, die dies nicht berücksichtigen, erreichen ihre Ziele nicht.

 

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Auf sich selbst hören - Auszug S. 148

Wir haben eine Trennung in Körper, Seele und Geist auf dem Planeten etabliert, weil wir unseren Vereinfachungsproblemen damit gut Rechnung tragen konnten. Wir haben ein Kommunikationsthema Körper und unterscheiden dies vom Thema Geist und dies von der Seele. Damit können alle irgendwie umgehen. Es ist jedoch nur eine diskutierbar gemachte Verkürzung der ganzen komplizierten Formel, in der alle Dinge gleichzeitig wirken, jedoch durchaus brauchbar und wenn es zum Verständnis hilft auch sinnvoll – aber eben nicht die ganze Wahrheit.

Sehr viel glaubhafter ist, dass wir eine Einheit aus vielen Komponenten sind, die alle miteinander verknüpft sind und im Zusammenhang wirken (psychosomatische Wirkungen sind einmal als Sensation vermeldet worden – welch Missverständnis). Wir können problemlos hoch gebildet und dennoch häuslich gemein sein. Wir schaffen es, millionenfach einen Partner zu lieben, und trotzdem noch andere Liebschaften zu haben. Wenn wir im Wohlstand leben, versinken wir massenhaft in Hilflosigkeit, so als hätten wir unsere Selbstbestimmung in Behörden abgegeben, haben aber ausreichend Kraft genau dies ständig zu beklagen. Wir essen uns krank, weil wir kein sich selbst einstellendes Maß für noch gesunde Mengen haben. Sich selbst verantwortlich zu führen, gelingt offenbar kaum. Wir reagieren Aggressionen ab, auch wenn der Betroffene mit der auslösenden Verursachung nichts zu tun hat. Wir können uns oft nicht selbst beherrschen und uns misslingen viele Dinge, weil wir denken, reden und handeln, obwohl wir das, was dann häufig dabei herauskommt, gar nicht wollten. Etwas in uns funktioniert regelmäßig nicht so, wie wir das wollen. Mindestens zwei Komponenten sind da am Werk, die nebeneinander Einflüsse haben. Das sind aber immer wir selbst – lediglich jeweils ausgerichtet auf Ziele aus evolutionärer Sicht und ausgerichtet auf Ziele aus dem individuellen Lebensweg. Das ist die Dualität des Lebens – ein evolutionärer Kern und ein eigensinniger Verstand. Immer mindestens zwei widerstreitende, an einem Strang in Gegenrichtung ziehende Kräfte bilden ein Energiefeld im „Individuum“. Schon amüsant, dass das Einzelwesen nun ausgerechnet aus dem lateinischen kommend wörtlich aus „nicht zweiteilig“ zusammengesetzt wurde.

 

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Feuerwerk im Gehirn - Auszug S. 155

Die ultimative Pflicht des Lebens ist, es unter allen Umständen weiter zu geben – nichts mehr und nichts weniger und nichts ist wichtiger. Diesem Fortpflanzungsdruck folgend, will sich unser Gehirn verlieben und trainiert das lange bevor wir uns faktisch fortpflanzen könnten. Es wartet nicht, bis der Blitz einschlägt, sondern sondiert die mögliche reale Umgebung auf Passendes. Die meist beeindruckende Fähigkeit ist, dass es bei fehlenden Anreizen einfach die Reize ändert. Mit Alkohol im Spiel, sagt man „sich die Lady schön saufen“. Dazu nötig ist aber, dass das Gehirn die Vorentscheidungen variiert. Der Alkohol verstärkt wohl nur die Bereitschaft, alle oder jedenfalls viele Hemmungen fallen zu lassen und es entschließt sich, das Gegenüber einfach zu begehren, bloß weil es in der Nähe verfügbar ist. Der Sexhunger schiebt die Affäre an. Das morgendliche Erwachen bringt uns in vielen Fällen in die Realität zurück. Aber entgehen können wir der selbstständigen Aktivität unseres Gehirnes nicht. Beweis sind die zahllosen Betrügereien. Wir können nicht widerstehen, weil wir es nicht können sollen. Die Formulierung im Volksmund ist äußerst zutreffend: „Gelegenheit macht Diebe.“ Nicht der eigene Wille ist der Motor des Geschehens, sondern unser evolutionärer Teil nutzt die sich bietende Gelegenheit.

 

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Auf Dauer glücklich sein - Auszug S. 158

Auch wenn es schwer fällt, das zu glauben - es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Natur dauerhaft glückliche Menschen für die Überlebensanforderungen benötigt. Sie drängt zur Fortpflanzung, sie zwingt zu Nahrungserwerb und Aufzuchtsanstrengungen und sie setzt Wünsche/Triebe als Zugpferd ein. Sie nötigt uns Gewalttaten auf zur Verteidigung und Sicherung des Reviers. Sie stellt uns unter ständigen Wettbewerb auf die Rangordnung bezogen. Einen seinem eigenen Glück hingegebenen Menschen braucht es in diesem Theaterstück nicht.
Um die Menschen nicht am Elend verzweifelnd sitzen zu sehen, hat uns die Natur Fiktion, die Fähigkeit zur Fantasie mitgegeben, mit deren Hilfe wir uns ein Paradies vorstellen und erträumen können, in dem die irdischen Lebenspflichten entfallen.

Der String über die Zeit und vom Diesseits ins Jenseits könnte „Kampf auf Erden, wird belohnt im Himmel“ oder „Quälendes korrektes Verhalten wird belohnt mit dem Anhalten des Wiedergeburtsrades“. „Sich in die Luft sprengen wird belohnt mit Jungfrauen“. Und siehe, alleine die vage Aussicht genügt. Was für eine Macht.

Ohne Umschweife. Auf Dauer glücklich sein kann allein schon wegen unseres sensationsgierigen Gehirnes nicht gelingen.

 

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Sensationshunger des Gehirns - Auszug S. 167

Offenbar sucht unser Gehirn aus überlebenstechnischen Gründen andauernd nach Veränderungen und ist besonders an Sensationen interessiert und nicht etwa an bekannten und damit bereits gespeicherten Informationen. Der Anpassungsdruck erzwang in frühen Zeiten eine wache Wahrnehmung und ein rasches Anpassen an die wahrgenommenen Veränderungen sowie das möglichst isolierte Ausnutzen aufgefundener günstiger Lebensbedingungen.

Schneller, höher, weiter und das ständige Bedürfnis nach Unterhaltung und dem Fernhalten von Langeweile sind Folgen dieser steinzeitlichen Ausrichtung. Auf heutige Verhältnisse transferiert erklärt sich, wieso wir Moden und Trends so sehr schätzen und leichtfüßig auf die fahrenden Züge aufspringen.
Freilich müssen wir uns bei den vielen NEW WAVES auch hin und wieder zu Ablehnungen entscheiden, da wir uns durchaus über unsere Sippenzugehörigkeit definieren (Leben in Sippen).

Kein Tier sieht gerne fern – aber wir. Fernsehen oder Kino und Videospiele bedienen genau die Hauptorientierung unserer Sinne, die Welt sich bewegend sehen und die Geräusche dazu, also die Kommunikation, hören. Für diese präzise Wahrnehmung und die daraus resultierende komplexe Rangordnungssystematik ist unser Gehirn so groß geworden und so rechenstark. Nun kann es nicht Wunder nehmen, dass es sich auf seinen Hauptzweck stürzt, egal, ob die angebotenen Reize natürlich erzeugt wurden oder über den Umweg der Elektronik aus dem  schwarzen Kästchen angeliefert werden.

Die hohe Attraktivität der bild- und tongebenden Medien kann somit erklärt werden. Der Trick ist, dass das Gehirn sehr wohl die Spielsituation begreift, zur Selbstbegeisterung aber die Quasirealität wie Realität behandelt und uns ohne Unterschied dazu wie „in echt“ mit heftigen Gefühlen aufregt. An dieser Erregung ist das Gehirn interessiert und schiebt dafür bereitwillig die Realität in den Hintergrund.

 

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Vernunft - Auszug S.178

Wie viel selbst sind wir aber dann, wenn wir noch nicht einmal für Augenblicke Herr des Denkens sind? Aufmerksam werden müssen wir bei folgendem Aspekt.

Die Asiaten versuchen mit aufwändiger, teils lebenslanger Meditation, dieses ewige Spielen des Gehirns mit sich selbst auszuschalten, natürlich durch Konzentration auf das Nichtdenken. Formuliert wird das Ziel mit der Überwindung des Egos. Wenn es dann überwunden ist, was wurde dann ausgeschaltet? Vermutlich ein zentraler natürlicher Vorgang unserer Spezies, nämlich alles haben wollen. Fraglos eine große Willensleistung, die eine friedliche Umgebung schafft, weil sie für ein auseinandersetzungsloses Dasein sorgt. „Wenn Du alles haben willst, musst du nur auf alles verzichten“(4). Ist das vernünftig?

Auseinandersetzungen werden von widerstrebenden Egos initiiert und sind als richtig und wichtig anzusehen. Sie haben eine nicht hinwegdenkbare Bedeutung in der Evolution. Die durch Meditation erreichte übergroße Zurückhaltung natürlicher Ambitionen lässt befürchten, dass die Überlebenstüchtigkeit der Menschen auf eine harte Probe gestellt würde, wenn die Mehrheit der Weltbevölkerung meditierte und nichts „leistete“ im üblichen Sinn. Die Optionen, die uns gegeben sind, um das Dasein auf unserem Planeten menschenwürdig, ohne Hunger und Armut zu leben, erfordern in jedem Falle Leistung. Die für die Zukunft notwendige Leistung steckt in jedes Einzelnen persönlicher unumgänglicher Veränderung. Die in ununterbrochenen Reihen versuchten Verhaltensänderungen durch Anordnungen, Religionsvorschriften und Gesetze können mitwirken, aber nicht verursachen. Verursacht wird im Individuum. Sehr wahrscheinlich ist die Forderung, nachhaltigen fortschrittlichen Erfolg für Mensch und gleichzeitig für die Natur zu erzeugen, das am schwersten zu erreichende Ziel - ein Ziel, das zuerst einmal überhaupt für alle Menschen das „Ziel“ werden muss.

 

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Schröder war’s und sein Zeitgeist - Auszug S. 191

Schröder wusste sicher nicht, was er da anrichtete, da würde man ihm zuviel zutrauen. Er war es aber, der der Lobby der Wirtschaft Tür und Tor öffnete und damit zum Durchbruch verholfen hat. Jahrzehnte haben die Lobbyisten gebraucht, bis sie die Politik so weit hatten, dass diese, den von ihr selbst gierig auf mehr Steuern vorangetriebenen Anstieg der Lohnnebenkosten durch das stete Vorbringen der Lobbyisten als den Hauptfehler überhaupt anzusehen gelernt hat. Hier begannen sie, den Arbeitslosen als den zentralen Schwachpunkt zu erkennen, und seither kämpfen sie unaufhaltsam an dieser Front. Die stetig gewachsene Steuer- und Abgabenlast hat die Wirtschaft abgewürgt. Trotz aller Einschränkungsbemühungen laufen auch heute noch die Staatskosten in allen Bereichen ungehindert davon. Die Haushalte werden immer unglaubwürdiger und sind nur mit massiven Neuverschuldungen auszugleichen. Dennoch findet die Politik kein Halten. Das System ist untauglich geworden. Den aktuellen Anforderungen sind nicht nur die Politiker, sondern das gesamte System nicht gewachsen. Um dies zu erkennen, benötigen Menschen keine Wissenschaftler, das sagt ihnen ihr evolutionäres Wissen. Sie misstrauen der Führung, wenn so viel nicht klappt. Dies aufnehmend sind Jugendliche an der klassischen Lebensweise nicht mehr interessiert. Sie ahnen korrekt, dass sie nicht von den Vorteilen begünstigt werden, die diese bürgerliche Lebensform einst verhieß. Sie verlassen die nur am Geld orientierte Gesellschaft einfach und erfinden eine andere. Ohne Revolution, ohne Auseinandersetzung schaffen sie eine neue Gesellschaft. Die arrivierte Schicht bemerkt und beklagt die sich abzeichnende Wandlung zwar, versteht nichts und ignoriert sie deshalb. Sie ist naturgemäß der bewahrende Teil der Bevölkerung, der habende. Diese Schicht will, dass alles so bleibt, wie es war und träumt weiter vom Fortbestand der bürgerlichen Bundesrepublik. So wie die herrschende bürgerliche Schicht zu sehr auf außen liegende Erfolge schaut, so sehr wird sich die nachfolgende Generation auf innere Werte wie Kicks, Adrenalin, in-sein, cool-sein, kaprizieren.

 

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Begeisterung für Idole - Auszug S. 209

Die Dualität unseres Wesens schlägt auch hier zu. Idole dürfen nicht nur gute Eigenschaften signalisieren. Sie müssen ein wenig verrucht sein, sonst würden wir ihnen zu wenig zutrauen. Wir erwarten Führer, die uns schützen, sie müssen aber gleichzeitig gewieft sein, um in der Geführten Interesse mächtig zu sein. Ein Freund nach innen und ein Killer gegen Feinde – beides muss ein Idol sein. So gesehen ist es nicht weiter verwunderlich, dass gelegentlich Herrscher sich aus Verpflichtungen lösen und neben den Gegnern auch die eigene Sippe unterwerfen und beherrschen wollen.

In unserem Wunsch, Idolen folgen zu wollen, verstecken sich jedoch auch Nuancen der Selbstsicht. Wieso entwickeln wir Zuneigung zu durchgeknallten Promis? Vielleicht sind das die vermissten Rangtieferen, die wir wegen der fehlenden Sippe nicht um uns haben, und so ersetzen sie die Leere mit selbstgewählten Scheinmitgliedern.

Unser augenfälligstes Kunststück, Individuen in allen Schattierungen erkennen und sich merken zu können, bringen wirklich nur Menschen fertig und es bringt uns nicht nur Segen.

 

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Menschwerdung - Auszug S. 218

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass unser Gehirn als Gefäß entsteht und dann irgendwann irgendwie gefüllt wird, diese Vorstellung ist zu küchenartig, um realistisch zu sein. Bedenkt man, was kleine Insekten wie Ameisen oder Netzspinnen, Nest bauende Vögel usw.  alles fertig bringen, kann das nicht sein. Die geistige Gehirnentwicklung setzt gewiss zusammen mit ihrer biologischen Entwicklung ein. Vorstellen kann man sich das etwa so: Wenn sich beim Embryo die Zellareale formieren, die zum Gehirn werden, beginnt auch ihre erste noch primitive Aktivität. Es wird gewiss einen Grundstock an Organisation geben müssen, bevor so was wie Hirnströme zu arbeiten beginnen. Sicher werden jedoch irgendwann in dieser Phase in möglicherweise bestimmbarem, aber nicht ausschließlich genau so eintreffendendem Nacheinander  Bereiche der Wahrnehmung von Temperatur, Bewegung der Mutter, Kontakte als äußerem Reiz und Eigenwahrnehmungen aus Bewegungen (Hände, Arme, Beine, Grimassen) entstehen. Irgendwann kommen Geräusche des Mutterleibes hinzu und vieles mehr. Es ist daher nahe liegend anzunehmen, dass die Hirnorganisation ein interaktiver Prozess ist, zwischen Funktion und Wachstum des Organs. Allem Vernehmen nach bleibt es auch ein Leben lang so.

 

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Epilog - S. 227

Die Natur hat für den Menschen nicht vorgesehen, dass er etwas zu sein hat, sondern dass er alles werden kann.

Die Startausrüstung, die uns als Spezies das Überleben ermöglichte und uns bis zur aktuellen Überfrachtung der Erde in die Gegenwart gebracht hat, ist in der modernen Welt eine schwere Bürde, sie ist zum Handicap geworden. Da wir alles werden können, liegt es nur bei uns, was aus uns werden wird.

 

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